Ingolf
wird an einem Dienstag im Jahr 1958 in der Bielefelder Vorstadt, einem Viertel
mit Aussiedlern und Arbeitslosen, geboren. Sein Vater ist Operettensänger,
übt jedoch des gesicherten Einkommens wegen einen bürgerlichen
Beruf aus. Ingolf erzählt, dass er ihn oft in der Wohnung singen hörte
immer mit einem großen Kissen vor dem Gesicht, damit der Gesang
die Nachbarn nicht stört. "Bis heute könnte ich bei 'Wetten,
dass...?!' auftreten mit der Fähigkeit, jeden Operettentitel dieser
Welt in ein Kissen gesungen zu erkennen" fügt Inolf lachend hinzu.
Auch nicht richtig Luft bekommt der vierjährige Ingolf als er in einer
Kindergartenaufführung tapfer den "bösen Wolf" gibt,
obwohl er hinter einer unglücklich gebauten Maske fast erstickt. Bis
auf weiteres ist das allerdings das einzige Mal, dass der junge Ingolf auf
einer Bühne steht. Er ist im Gegenteil vielen als unauffällig
in Erinnerung, verbringt pummelig und introvertiert viel Zeit vor dem Fernseher.
Vielleicht bekommt er dort den Kick fürs Leben? Jedenfalls läutet
er mit 15 eine Kehrtwende ein: er speckt ab, und zwar für immer. Zwei
Monate lang ernährt er sich ausschließlich von Heidelbeeryoghurt.
Seitdem hat er zu der beliebten ALDI-Spezialität ein gespaltenes Verhältnis.
Als
einer der wenigen aus seinem Viertel besucht der Erschlankte das Bielefelder
Ratsgymnasium. Dort ist er keine Leuchte die konservativen Klassenlehrer
und der unkonventionelle, impulsive Schüler Lück verbergen nicht
die gegenseitige Antipathie. Ingolf fällt weit zurück, das Resultat,
wie er 1993 bei einem Festakt seiner Schule sagt: "Ich habe eine Ehrenrunde
gedreht: Unterquarta und Oberquarta."
Mit
sechzehn ändern sich die Dinge. Onkel Karl-Heinz gibt Ingolf Gitarrenunterricht
sowie ein schönes Hemd, und gemeinsam treten die beiden bei Taubenzüchtervereinen,
Sparkassenfesten und in Altenheimen auf: das erste selbstverdiente Geld.
Nebenbei engagiert sich Ingolf in einem selbstverwalteten Jugendzentrum,
will zeitweise sogar Sozialarbeiter werden. Doch die Bühne fängt
an, an ihm zu ziehen. Eigens für ein Schulfest gründet er mit
Freunden "Die Dösselmann Combo" in der er hinterm Schlagzeug
sitzt und die es, wie Ingolf heute noch lachend erzählt, mit ihrer
ziemlich schrägen Version von Neil Youngs "Cortez The Killer"
bis in die Lokalpresse schafft.
Schließlich
wird Ingolf Mitglied der Schultheatergruppe. Als der Lehrer im Spätsommer
1977 bei den Proben für eine Schulaufführung von Dürrenmatts
"Die Physiker" ausfällt, übernimmt Ingolf kurz entschlossen
die Rolle des Regisseurs erfolgreich, und von da an hat das Theater
ihn endgültig am Wickel : Die Aufführung ging, so die Lokalpresse
im Oktober 1977, weit "über reines Laienspiel hinaus". Das
spornt den knapp zwanzigjährigen und das junge Ensemble an: nach einem
Probenjahr folgt 1978 eine weitere erfolgreiche Aufführung des Schultheaters:
"Tote ohne Begräbnis" des französischen Existentialisten
Jean-Paul Sartre. In seiner Abiturzeit entdeckt Ingolf auch die schillernde
freie Theaterszene der späten Siebziger für sich: Jango Edwards,
die Comedy-Ikone dieser Jahre, wird ein erstes Idol und wie Jango will auch
Ingolf so früh wie möglich von seiner Kunst leben. Bald sieht
man ihn in der Bielefelder Fußgängerzone Feuer spucken, Einrad
fahren und jonglieren oder die einzig wahre Autopolitur anpreisen.
Nach
dem Abitur 1978 wird aus der Schultheatergruppe das "Frapp-Theater".
Ingolf sagt 1984 zur Namensfindung: "Das Kürzel hat keine Bedeutung.
Es ist eher als Rülpser zu verstehen" - Schon früh ist ihm
die Idee wichtiger als die Form. Nach der Premiere des ersten inhaltlich
noch etwas wirren Stücks mit dem wohl prophetischen Titel "FRAPP
Es ist nicht zu fassen" am 9. März 1979 ist das Ensemble
weiter erfolgreich in und um Bielefeld mit immer neuen Produktionen aktiv
1979
gründen Ingolf Lück und Andreas Liebold aus dem "Frapp"-Theater
heraus das Kindertheater "Die Zick-Zack-Theaterbande", das bis
1985 aktiv sein wird. Ingolf überlegt kurz sich umzuorientieren, denkt
darüber nach, nach dem Zivildienst Theaterdramaturg zu werden . Er
beginnt daher ein Studium in Pädagogik, Geschichte und Philosophie
an der Universität Bielefeld. Aber schon bald merkt er, dass die Theorie nicht seine Welt ist. Er bricht ab um sich wieder voll in die Bühnenarbeit
zu stürzen, tingelt erfolgreich mit der "Theaterbande" und
bringt mit dem "Frapp"-Theater "Das Picknick im Felde"
und den "Klassenfeind" auf die Bühne, bis sich das Ensemble
1982 auflöst.
Schon während des Zivildiensts hatte sich Ingolf an zahlreichen Schauspielschulen
beworben, jedoch nur Absagen bekommen. "Zu Recht", sagt er 1988
dem Stern, "denn an einem kleinen Provinztheater Nebenrollen spielen,
das hätte ich nie gekonnt". So organisiert er sich schließlich
sein Rüstzeug in Eigenregie : Er nimmt privaten Schauspielunterricht
und er nimmt Steptanz-Stunden, die er "bezahlt", indem er zweimal
wöchentlich den Übungssaal putzt.
Ingolf packt wieder seine fixe Idee, sich in etwas Neues zu stürzen.
In den Achtzigern existierten die verschiedenen Bühnengenres nebeneinander.
Ingolf ist fasziniert von den aus Holland auf die deutschen Bühnen
herüberschwappenden anglo-amerikanischen Comedyensembles wie der "Jango
Edwards and Friends Roadshow" oder "Pigeon Drop". Das Konzept
dieser Gruppen ist mitreißend, es ist die Idee der Verbindung der
Genres: Rockmusik, Theater, Clownerie, Zauberei, Feuerillusion, Mitspielaktionen
und Kabarett - alles in einer Show. Ingolfs nächste Idee nimmt Gestalt
an, "Das totale Theater" war geboren, der Titel des Rockmusiktheaters
war Programm. Ingolf und seine vier Mitstreiter verkündeten selbstbewusst:
"Zugaben können wir nicht geben, denn wir geben grundsätzlich
immer alles."
Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten. Nie
gab es mehr freie Bühnen als in den Achtzigern und sie bespielten sie
alle. Beim zweiten "Rock im Revier" Festival im September 1983 konnte "Das Totale Theater", obwohl aufgrund einer Verkettung von Widrigkeiten nur zu zweit angetreten (Peter Wolf und Ingolf Lück), groß abräumen. Peter und Ingolf freuten sich darüber, dass die Duo-Zitterpartie mit euphorischer Presse endete. In den Rezensionen wurden die beiden in einem Atemzug mit dem bisher einsamen Starensemble der Szene, dem Rocktheater "Nachtschicht" genannt und als die Entdeckung des Festivals gefeiert.
Dann taucht im Fernsehen plötzlich eine neue Sendung im Vorabendprogramm
auf. "Sprungbrett" heißt die, und sie begreift sich als
ein solches. Dort sehen Ingolf & Co. lauter Kollegen, die sie auf ihren
Tingeleien getroffen hatten, mit denen sie im Backstage dieselben pappigen
Schnittchen gegessen hatten. Im Fernsehen! Zu der Zeit gab es nur drei Sender
und nicht viel mehr Unterhalter teilten sich alle großen Shows. Rosenthal,
Carrell und Kulenkampff, das war's auch schon fast. Mit etwas anderem als
mit Anzug, Krawatte und ein paar Altherrenwitzen ins Fernsehen zu kommen,
das war 1983 schier unvorstellbar. Bis das "Sprungbrett" kam.
Da traten tatsächlich lauter neue Ensembles auf. Niemand trug Anzug
und Krawatte und wenn, dann war es eine bissige Parodie, auf keinen Fall
ein Herrenwitz. Und das Beste: Wer im "Sprungbrett auftrat, dem winkte
die Chance auf eine echte Fernsehkarriere. Das war ein unglaublicher Ansporn
in der deutschen Kleinkunstszene. Die Adresse der Initiatorin Ingrid Jehn
wurde an den Theken der Theater und den Backstages der Festivals weitergereicht.
Mit dem Auftritt des "Totalen Theaters" im "Sprungbrett"
beginnt für Ingolf eine TV-Karriere, die mit der Moderation von "Formel
Eins" ihren ersten Höhepunkt erreichen wird. Lesen Sie dazu alle
Einzelheiten in der Rubrik "Stationen".
